Oft weisen nur mehr wenige Spuren auf alte Wege hin, die von den frühesten Einwohnern Südtirols benutzt wurden. Und diese Spuren geben uns vielfach Rätsel auf: geheimnisvolle Schalensteine, Felsbilder, Wallburgen und Kultstätten. Nicht selten sind an diesen Stätten später christliche Kirchen entstanden. In den Sommermonaten lädt das "Sonntagsblatt" dazu ein, einige dieser Urwege naher kennen zu lernen.
Die Gegend von Siebeneich und Moritzing ist für die Archäologen besonders interessant. Der Name "Siebeneich" ist nicht ganz geklärt; manche leiten den Namen vom Griechischen "sebas" (=heilig) und "ache" (= Fluss oder Quelle) ab. Demnach wäre "siebeneich" gleichbedeutend mit "heilige Quelle".
Wie dem auch sei, in der Gegend von Siebeneich bis Moritzing bei Bozen befinden wir uns in einem Bezirk, der für Archäologen äusserst interessant ist. Jüngste Grabungen ergaben sensationelle Ergebnisse. So konnten im Frühjahr 1999 bei Moritzing gut erhaltene rätische Hauser aus der jüngeren Eisenzeit (ab dem 6. Jahrhundert vor Christus) freigelegt werden. Und bei Grabungen in Siebeneich wurde ein grosses Gräberfeld aus der Eisenzeit entdeckt. Auch Hinweise auf Quellenkulte wurden gefunden. in Moritzing mit seiner schwefelhaltigen Quelle wurden Tausende von Opfergaben entdeckt, wie Fingerringe aus Bronze. Mauritius, der Patron von Moritzing, ist ja die Verchristlichung einer römischen Quellgottheit.
Am uralten Weg von Moritzing hinauf zum schloss Greifenstein, nur wenig unterhalb der früheren Wallfahrtskirche zu den Heiligen Kosmas und Damian, ragt aus dem dichten Gebüsch der sog. Ölknott, ein Porphyrfelsen mit einer Wasserquelle. Diese stand in früher Zeit beim Volk in hohem Ansehen, da sie heilendes Wasser spendete.
WUNDERTÄTIGE QUELLE
Dass es mit diesem Ölknott eine besondere Bewandtnis haben muss, beweisen eine nahe alte Trockenmauer und der Fund eines Bronzestückes aus der Zeit um 380 v. Chr. Ausserdem ranken sich um diesen Felsen verschiedene Sagen. So wird berichtet, dass einst ein geldgieriger Mann den Zugang zum Ölknott sperren liess und dafür Geld verlangte.
Darauf soll die wundertätige Quelle versiegt sein. Manche nehmen an, dass dieser geheimnisvolle Stein eine prähistorische Kultstätte gewesen sein mag. Wenn wir den alten Weg weiter gehen, gelangen wir zur altehrwürdigen Kirche St. Kosmas und Damian. Historisch nachgewiesen ist, dass die Kirche im Jahre 1230 vom Trient der Bischof Gerhard feierlich geweiht wurde. Vielleicht diente dieses Heiligtum ursprünglich den Herren von Greifenstein a!s Burgkapelle. Die Kirche liegt immer noch innerhalb der äußeren Burgmauem.
In den darauf folgenden Jahrhunderten entwickelte sich das Kirchlein zu einem viel besuchten Wallfahrtsort. Von den vielen Pilgern zeugten die zahlreichen Votivgaben aus Gold, Silber, Holz oder Wachs und die Spenden, die in einem Inventurverzeichnis überliefert sind. Kaiser Josef II. das Kirchlein 1786 gegen den Willen des Volkes schliessen. Das Altarbild mit den Patronen Kosmas und Damian wurde in die St.-Martins-Kirche nach Glaning übertragen, wo es sich heute noch befindet.
ALTER WALLFAHRTSORT
Da auf Greifenstein eine griechische Silbermünze mit zwei Jünglingsköpfen und im Bereich der Kirche eine Zwillingsfigur aus Bronze sowie eine Bronzeschale mit römischer Inschrift gefunden wurden, vermutet man, dass die Kirche auf eine alte Dioskuren-Kultstätte zurückgehen könnte.
Die Dioskuren waren nach der griechischen Mythologie ein göttliches Bruderpaar, das sich um die Gesundheit der Menschen kümmerte. Diese heidnischen Götter konnten dann von den beiden heiligen Ärztebrüdern Kosmas und Damian abgelöst worden sein.
Schließlich steigen wir auf steilem Weg zur Burgruine von Greifenstein auf. Die Burg hatte wegen ihrer wehrhaften Lage nie einen Bergfried; sie wird erstmals 1159 erwähnt. Bekannt wurde Greifenstein besonders in den Kämpfen zwischen dem Tiroler Adel und dem Landesfürsten Friedrich mit der leeren Tasche (1406 bis 1439). An den Kämpfen war auch der Minnesänger Oswald von Wolkenstein beteiligt, der hier durch einen Augenschuss ein Auge verlor.
Viele Funde beweisen, dass die Gegend um Greifenstein bereits in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt war. So kamen im Jahre 1858 vier Eisenschwerter, ein Helm aus Eisen, verschiedene Blechstucke aus Bronze, darunter eines mit rätischer Inschrift, zum Vorschein. Georg Innerebner entdeckte am Greifensteiner Hang zahlreiche Hüttenreste aus der Eisenzeit. Tonscherbenfunde weisen auf eine Besiedlung des Burgfelsens bereits in der Jungsteinzeit hin.
P. Robert Prenner
(aus "Il Segno" vom 6.8.06)